Im 16. Jahrhundert

 

Geistliches Leben

Unter grosser Beteiligung der Bürger wurde 1517 zum erstenmal eine Johannes-Passion in Hildesheim auf dem Marktplatz gespielt. In diesem Jahr war auch die Aachenfahrt, die alle sieben Jahre stattfand. Auf der Fahrt nach Westen kamen Hunderte von Menschen aus Ungarn, Böhmen, Preußen, Livland und Österreich nach Hildesheim. Ihnen schlossen sich zahlreiche Bürger mit ihren Frauen und Kindern, oft sogar mit der gesamten Dienerschaft von Knechten und Mägden an.
Die Kirche bestimmte im Spätmittelalter den Alltag in weitaus stärkerem Maße, als das heute der Fall ist. Die Pflege alter und kranker, siecher und sterbender Menschen in den Hospitälern, die bis Mitte des 14. Jahrhunderts ausschließlich zu den Kirchen und Klöstern gehört hatten sowie die Betreuung von Waisen war lange Zeit die traditionelle Aufgabe der Kirche in jener Zeit.
Ob und wieviel Bürger des spätmittelalterlichen Hildesheim geistige Interessen gehabt haben werden, ist historisch nicht belegt. Seit 1500 aber, als das Buchdrucken, die neue Erfindung Johann Gutenbergs, den Weg in eine freiere geistige Zukunft wies und der Humanismus auch in Deutschland verbreitet wurde, hatte sich Hildesheim für die kulturellen Regungen der Epoche frühzeitig aufgeschlossen gezeigt. Als erster nachgewiesener Buchhändler in Hildesheim wird der aus Wittenberg zugezogene Henning Rüdem genannt, der 1544 nach Hannover zog und dort als erster, die von Bugenhagen verfasste evangelische Kirchenordnung druckte.

 

Die Stiftsfehde

An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert bestanden die seit Jahrhunderten andauernden Gegensätze zwischen der Stadt und ihrem Landsherren, dem Hildesheimer Bischof, fort. Wegen der angespannten finanziellen Lage waren die Bischöfe, wie schon im 15. Jahrhundert dazu übergegangen, alle möglichen Rechtstitel und sogar ganze Ämter für Geld in die Hände des Stiftadels zu geben. Nur mit Mühe konnte bei einem solchen Verfahren die landesherrliche Autorität gewahrt werden.
Um sich neue Mittel zu verschaffen, die eine Rückführung der verpfändeten Rechte, Burgen und Ämter ermöglicht hätten, verlangten die Bischöfe von der Stadt erneut zusätzliche Steuern. Dagegen wehrte sich die Stadt und es schien kurze Zeit, als würde auch eine Einigung möglich sein. Der Stiftsadel jedoch, sah sich durch die geplante Wiedereinlösung der erworbenen Rechte substantiell bedroht und wandte sich an an den welfischen Herzog von Braunschweig um Hilfe.
Es wurden zwei gegen den Bischof gerichtete Schutzbündnisse geschlossen. Gleichzeitig baute sich zwischen den zerstrittenen welfischen Linien eine zweite Front auf. Das zwischen den Ländereien der beiden Welfenhäuser gelegene Hildesheimer Territorium wurde von beiden Seiten begehrt.
1518 entfachte sich eine Fehde, die im gesamten Stift zu großen Verwüstungen führte. Der interne Streit zwischen Bistum und Adel war zu einem Krieg zwischen konkurrierenden Landesherren geworden. Auch die hohe Reichspolitik spielte in diesen, "Stiftsfehde" genannten, Konflikt hinein. Als wichtigste Figur Hildesheims in jener Zeit tritt der in der Stadt geborene Hans Wildefuer hervor, der in der Stiftsfehde entschieden für die Wahrung der städtischen Interessen kämpfte.
Zum Ende gelangten die kriegerischen Auseinandersetzungen erst 1523 durch den "Quedlinburger Rezess". Für das Hochstift Hildesheim bedeutete der Vertrag den bitteren Verlust des "Großen Stifts" und die künftige Bescheidung auf das sogenannte "Kleine Stift". Der größte Teil des Bistums fiel an die Welfen.
Hans Wildefuer wurde 1526 Bürgermeister von Hildesheim. Nach Beendigung der Stiftsfehde wurden in Hildesheim 1531 - in dem ein Jahr vorher errichteten steinernen Gebäude der städtischen Münze am Andreaskirchplatz - neue Münzen geprägt. Sie trugen in lateinischer Sprache die Prägeschrift: "Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen".
Hildesheim und Niedersachsen hatten eine grauenvolle Zeit mit Raub, Brand und Mord erlebt, und die Menschen sehnten sich nach friedlichen Zeiten. In diesen Jahren hörte man auch im Hildesheimer Land immer mehr von der Lehre Martin Luthers.

 

Die Reformation im Hildesheimer Land

Schon um 1519, vor Ausbruch der Stiftsfehde, regte sich in Hildesheim starkes Interesse an der Lehre Martin Luthers. Der Rat aber erließ strenge Verbote gegen die Verbreitung des Protestantismus, gegen das Singen lutherischer Lieder und gegen den Verkauf evangelischer Druckschriften. Hausdurchsuchungen und Bücherverbrennungen waren an der Tagesordnung.
Trotz allem sangen an Ostern 1528 die Menschen außerhalb der Stadt vor dem Sültekloster die Lieder der Reformation. Zwei Jahre später wurde die St.Andreas-Kirche Zentrum der reformatorischen Bewegung. Evangelische Geistliche versuchten in St. Andreas zu predigen. Sie wurden in einem riesigen Tumult durch Gegner der Reformation von der Kanzel gestoßen. Der reformatorische Wille ließ sich jedoch nicht aufhalten. Nach wenigen Tagen versammelten sich erneut hundertfünfzig Menschen in der Andreas-Kirche und sangen trotz drohender Strafen die verbotenen lutherischen Lieder.
Die treibende Kraft der reformatorischen Entwicklung in Hildesheim waren die städtischen Bäuerschaften, eine damals vom Stadtrat festgelegte Organisationsform der Bürger. Die Hinwendung zu Luthers Bekenntnis verband sich mit einer allgemeinen Unzufriedenheit der Bürger mit der Obrigkeit im Allgemeinen und dem Hildesheimer Rat und seiner Steuerpolitik im Besonderen.
Der evangelische Glaube verbreitete sich unter den Bürgern der Stadt immer weiter, er wurde immer stärker und konnte auch durch polizeiliche Maßnahmen nicht mehr zum Schweigen gebracht werden. Jedoch konnte die Reformation in Hildesheim erst nach dem Tode des dominanten und streng altgläubigen Bürgermeisters Wildefuer im Dezember 1541 Einzug halten. Im August 1542 fand dann die entscheidende Ratssitzung statt, in der die Bürgerschaften mit ihren Forderungen durchdrangen, dass zunächst an drei Hildesheimer Stadtkirchen, unter ihnen die Hauptkirche St. Andreas, evangelische Prädikanten berufen werden sollten.
Auf der Grundlage dieses Beschlusses wurden der Wittenberger Stadtprediger Johannes Bugenhagen, der ein Freund und Mitarbeiter Martin Luthers war, sowie Antonius Corvinus aus Hessen und Hermann Winckel aus Braunschweig nach Hildesheim entsandt um die reformatorische Bewegung zu koordinieren. In der überfüllten Stadtkirche St. Andreas hielt Johannes Bugenhagen am 1. September 1542 den ersten evangelischen Gottesdienst. Er war erstaunt, dass die Hildesheimer im Gottesdienst bereits sämtliche Lutherlieder mitsingen konnten. Die von ihm unter der Mitwirkung von Antonius Corvinus und Hermann Winckel verfaßte neue evangelische Kirchenordnung für Hildesheim wurde noch im September 1542 verabschiedet.

Nach der Reformation

Ab September 1542 wurde auch in St. Michael, St. Jakobi, St. Georgi, St. Pauli und St. Lamberti nach Luthers Lehre gepredigt. Den Gottesdienst begleiteten Lieder aus dem bereits 1529 von Luther selbst herausgebrachten Gesangbuch. Die Michaeliskirche wurde 1543 evangelisch, das Gebäude des angeschlossenen Benediktinerklosters, Bernwards Künstlerwerkstätten, aus denen einige Teile des Domschatzes stammen, und die Krypta mit dem Steinsarkophag Bernwards wurden der katholischen Kirche überlassen.
Die unglückliche Baulastregelung, die besagte, dass das katholische Kloster für die Renovation der evangelischen Michaeliskirche aufzukommen hatte, trug neben dem Zahn der Zeit, auch zum Verfall der Kirche bei. In den katholisch gebliebenen Kirchen durfte der Gottesdienst einige Zeit lang nur in stillen Messen gehalten werden. Die nachfolgenden Bischöfe wehrten sich später gegen die Aufteilung des Bistums und bekamen auch Recht und teilweise ihr Land zurück.
In diesem Einflussbereich setzte sich der katholische Glaube wieder durch. In der Stadt Hildesheim und im größten Teil des Bistums blieb der evangelische Glaube bestehen. Schwerwiegende Veränderungen brachten ab 1587 gegenreformatorische Maßnahmen des Fürstenbischofs und der von ihm unterstützten Jesuiten, die dafür sorgten, dass in den Dörfern des sog. Kleinen Stifts, fast alle Gemeinden rekatholisiert wurden.

Vereinigung der Altstadt mit der Neustadt

Mit der Altstadt lebten die Neustädter lange Jahre in schwerem Streit. Endlich sahen sie ein, dass es am besten wäre, sich zu einigen. 1583 schlossen sie ein Bündnis und verwalteten ihre Städte gemeinsam. Sie bauten neue Wälle und Gräben und schützten ihre Ansiedlungen mit einer neuen Stadtmauer. Allerdings blieben Finanzverwaltung und Gericht, sowie alle Kirchen-, Schul- und Hospitalsachen getrennt.

Pestepidemien

Im 16. Jahrhundert wurde Hildesheim von drei in kurzen Abständen (1566, 1597, 1598) aufeinanderfolgenden Pestepidemien heimgesucht. Dabei starben insgesamt fast 9000 Menschen, für deren Beerdigung der Platz auf dem Andreaskirchhof schon nicht mehr ausreichte, so dass man die Toten vor den Toren der Stadt begraben musste.

Auf dem Marktplatz

Seit Beginn des 16. Jahrhunderts hatten sich immer mehr Gewerbetreibende um das Rathaus herum angesiedelt. Am Großen Markt standen die Zunfthäuser der wichtigsten Hildesheimer Handwerervereinigungen: Das Bäckeramtshaus und das 1529 errichtete gewaltige, noch gerade der Gotik zuzurechnende Knochenhaueramtshaus.
1540 wurde mitten auf dem Marktplatz der Marktbrunnen gebaut. Beachtliche Bürgerhäuser wie das Haus Gelber Stern 21, die Ratsapotheke (1579) und das Storrehaus (auch Wedekindhaus, 1598; heute Stadtsparkasse, in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts wieder aufgebaut) markieren die einzigartige Blüte des Hildesheimer Fachwerkbaus.