Im 15. Jahrhundert

 

Marktplatz und Bürgertum

Am Anfang des 15. Jahrhunderts lebte die städtische Bevölkerung in einem der Zeit angemessenen Wohlstand. Eine kleine patrizische Oberschicht hatte sich die beherrschende Stellung im Rat gesichert.
Dies sorgte allerdings für Unmut unter den Hildesheimern und führte zu mehreren Anläufen, die Verfassung zu reformieren. Nachdem die Stadt 1418 durch König Sigismund das Gerichtsprivileg und 1437 das Privileg völliger Sreuerfreiheit erhalten hatte, verabschiedete der Rat 1460 eine neue Verfassung, die seine Rechte und Befugnisse erweiterte und verstärkte.
In der nachfolgenden Zeit stabilisierten sich die Verhältnisse etwas, es kam zu einer regen Bautätigkeit in der Stadt. Die führenden Familien der Stadt drängten danach, in größeren Bürgerhäusern am großen Marktplatz zu wohnen und dort ihre Geschäfte abzuwickeln. Hier versuchten auch die Handwerkerzünfte ihre Gildehäuser zu errichten. Es entstanden die ersten repräsentativen gotischen Holzhäuser.

 

Münzrecht

Die Ausweitung der Handelsbeziehungen der Hildesheimer Bürger und der wachsende Warenverkehr veranlasste den Rat, sich den Zugriff auf das noch in bischöflicher Herrschaft liegende Münzrecht zu sichern.
Für ein stattliches Darlehen von 700 rheinischen Gulden verpfändete 1428 Bischof Magnus das Münzrecht an den Rat. Dieser begann bald darauf, an der damals in der Judenstraße eingerichteten Münzprägestätte, eigene städtische Münzen zu prägen.

 

Der "kleine" Markt

In der Gegend um St. Andreas standen um 1400 zahlreiche gotische Bürgerhäuser. Das älteste dieser Häuser, aus dem Jahre 1418, stand bis zu dem Feuersturm im März 1945 am Alten Markt. Seitdem der große Markt mit dem neuen Rathaus stark an Bedeutung gewomnnen hatte, war der sogenannte "kleine" Markt und seine Gegend nicht mehr so begehrt.
Die Straßen in der Umgebung von St. Andreas waren mit treffenden, aus dem Volksmund stammenden Namen belegt: es gab die "Hölle", und das "Fegefeuer". Durch diese beiden Straßen konnte man über einen engen Durchgang ins "Himmelreich" gehen. Auf Wunsch der Anwohner verschwanden diese Namen jedoch vor mehr als hundert Jahren. Bis heute erhalten geblieben ist die "Kantorgasse", in der laut historischer Überlieferung 1422 der Kantor von St. Andreas wohnte. Diese schmale Gasse führte vom Kirchplatz bis nahe an die damalige Stadtmauer des Dombezirks. Es soll eine "schaurige und verdächtige" Gegend gewesen sein, in der einige leichtlebige Damen ihrem Gewerbe nachgingen ...

Schicksal eines Stadtwächters

Auf den Türmen der Stadtmauer hielten die vom Rat aus der Bürgerschaft ernannten Turmwächter die Stadtwache. Im Jahre 1411 wurde durch Ratsbeschluss Cord Tornemann aus seinem Amt als geschworener Turmwächter entlassen, weil er sich auf dem Turm mit seiner Ehefrau "abgelenkt" hatte, statt beim Anreiten einer Schar Kriegsleute Alarm zu blasen.

St. Lamberti

Auf dem Platz, an dem sich in der Neustadt schon seit dem 11. Jahrhundert eine dem Heiligen Lambertus geweihte romanische Kirche befand, wurde im Mai 1474 der Grundstein zum Bau der Pfarrkirche St. Lamberti gelegt. Nachdem die Kirchenväter durch die Erlaubnis zur Nutzung des Hockelner Steinbruchs das Materialbeschaffungsproblem gelöst hatten, wurde der spätgotische Bau der gewölbten Hallenkirche in nur 14 Jahren fertiggestellt. Leider ist der Baumeister unbekannt.
Bei Kirchenführungen kann man an der letzten Säule des Kirchenschiffes seinen in Stein gemeisselten Kopf sehen. Bekannt ist hingegen, der als Bauherr genannte Pfarrer Lübertus Lübbern, der in den entscheidenden Baujahren an St. Lamberti amtierte. Die Kirchweihe wurde vom Hildesheimer Weihbischof Johannes im Jahre 1488 am Sonntag Jubilate gefeiert.
Zu Beginn des 16. Jhd. erfolgte in mehreren Bauetappen der Innenausbau der St. Lamberti-Kirche. 1514 war die Hallenkirche St. Lamberti fertiggestellt. Auf dieses langerwartete Ereignis bezieht sich die Wappentafel mit der Inschrift "Soli Deo" im Inneren der Kirche.
Bis zur Reformation befanden sich in der Kirche zwölf Altäre. Einer davon, der Peter-Pauls-Altar, um 1420 von einem unbekannten Künstler geschaffen, nimmt heute nach einem wechselvollen Schicksal, einen bedeutenden Platz in der Reihe der bedeutendsten Kirchenarbeiten des Spätmittelalters in Niedersachsen ein. Das 1504 von Hans Meisner gegossene Taufbecken, drei aus verschiedenen Epochen stammende Kronleuchter sowie die neue, aus vielen alten Teilen in mühsamer Kleinarbeit von Ernst Paland geschaffene, Barockorgel ergänzen den Reigen der kirchlichen Kunstwerke in St. Lamberti, der einzigen spätgotischen Hallenkirche Hildesheims.

Der Kehrwiederturm und seine Legenden

n der Nähe der St. Lamberti-Kirche steht der 1465 errichtete "Kehrwiederturm". Von den ehemaligen vier Befestigungstürmen der Neustadt ist er als einziger bis heute erhalten geblieben. In früherer Zeit hieß er "Honser Tor". Sein Name wird heute davon abgeleitet, dass die Wallanlage unterhalb des Turmes eine fast rechtwinkelige "Kehre" machte. Nach den Renovierungsarbeiten in den Jahren 1953 und 1982 wird er heute als Ausstellungsraum des Kunstvereins genutzt.
In alten Schriften ließt man, dass sich im Turm eine Glocke befand, die jeden Abend geläutet wurde und so die Bürger, die sich außerhalb der Stadtmauern aufhielten erinnerte, nach Hause zu gehen, "wiederzukehren". Die Verbindung dieser beiden Tatsachen mag vielleicht den Namen "Kehrwiederturm" hervorgebracht haben.
Später wurde die Glocke aus dem Kehrwiederturm in St. Lamberti aufgehängt und es wurde verfügt, dass sie an bestimmten Tagen im Jahr, eine Stunde lang läuten sollte. Der Läuter sollte jährlich einen Schuh (eine Anlehnung an den Heiligen Lambertus, der Schutzpatron der Schuhmacher) und einen Taler bekommen. Die Glocke des Kehrwiederturmes spielt auch in der Legende von der Hildesheimer Jungfrau eine Rolle.
Die junge und sehr hübsche Hildburg war die streng erzogene Tochter eines reichen Hildesheimer Kaufmanns. Sie und der arme Müllerssohn Andreas waren heimlich verlobt. Da der von Hildburg Erwählte als Schwiegersohn im Hause des Kaufmanns unerwünscht war, trafen sich die Liebenden heimlich. Als der junge Mann weitab von der Stadt im Wald auf seine Braut wartete, wurde er bei einem plötzlich aufkommenden Gewitter von einem Blitz erschlagen. Verwirrt und verzweifelt durch den schweren Verlust lief Hildburg, die Hildesheimer Jungfrau, tief in den Wald hinein und verirrte sich.
In ihrer großen Not betete sie zur Mutter Gottes und gelobte, Gut und Geld zur hohen Ehre Gottes stiften zu wollen, wenn sie aus ihrer Not errettet werden würde.
Da hörte sie aus weiter Ferne eine Glocke, die rief "Kehr wieder! Kehr wieder! Kehr wieder!". Sie ging den Klängen der Glocke nach und erreichte mitten in der Nacht ihre Heimatstadt, wo sie durch das Mitleid des Torwächters in die Stadt eingelassen wurde und nach Hause eilte. Die Legende erzählt, dass die junge Frau ihr ganzes Leben in den Dienst von Hilfebedürftigen gestellt habe und dass sie ihre Vaterstadt so lieb hatte, dass sie sich in Kriegszeiten auf den Kehrwiederwall stellte und feindliche Kugeln mit ihrer Schürze auffing, wenn die Stadt beschossen wurde.
So soll sie es im Dreissigjährigen Krieg gemacht haben, sonst wäre von der Stadt nichts übriggeblieben. Manch alter Hildesheimer fragt sich im Stillen, ob die Hildesheimer Jungfrau aus der Neustadt wohl auch in den Bombenstürmen, am Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Schüze ausgebreitet hatte und so die schönen, alten Häuser der Neustadt vor größerer Zerstörung beschützt hat? Unter Mitwirkung junger Künstler aus Hildesheim wurde die "Legende von der Hildesheimer Jungfrau" im Rahmen der kulturellen Veranstaltungen während der Weltausstellung EXPO2000, in der Hildesheimer Lambertikirche als Musical aufgeführt.

Bündnisse und Abkommen

Zwischen den Welfen und dem Hochstift Hildesheim gab es seit dem 13. Jahrhundert eine ganze Reihe territorialer Auseinandersetzungen. Meistens wurden danach, wie nach der Schlacht bei Dinklar, Bündnisverträge und Schutzabkommen geschlossen.
Allgemein bekannt war in jener Zeit, dass zwischen den unterschiedlichen Linien der welfischen Herzöge häufig Spannungen herrschten. Die Stadt spielte geschickt den einen Welfen gegen den anderen aus und sicherte sich so Schutzverträge, die der eigenen Sicherung nutzten.
Andererseits schlossen sich 1426 zahlreiche sächsische Städte zu einem Bündnis zusammen, um sich gegenseitige Rechtshilfe und vor allem militärische Hilfeleistung bei ungerechtfertigter Fehdeansage gegen eine der Bündnisstädte zu leisten.

Die Große Fehde

Die notorische Finanznot der bischöflichen Landesherrschaft beschwor am Ende des 15. jahrhunderts einen neuen Konflikt zwischen Bischof und Stadt herauf. Es ging um eine neue Bierverbrauchssteuer, die sogenannte "Bierzise", die von den Bauern und Wirten des Landes an den damaligen Bischof Barthold II. entrichtet werden sollte.
Der Hildesheimer Rat wollte diese Steuer nicht dulden und versuchte mit dem Bischof zu verhandeln. Da die Verhandlungen ergebnislos endeten, verbündeten sich die Städte Hildesheim und Alfeld im März 1482 zur Abwehr der landesherrlichen Steuer. Trotz der Vermittlungsversuche der benachbarten Städte kam es zum offenen bewaffneten Konflikt.
Nach mehreren Angriffen bischöflicher Soldaten, die in der Stadt zu großen Zerstörungen führten, erzwangen die Städter einen Waffenstillstand. Es wurde ein Vergleich geschlossen, in dem der Bischof - gegen eine Entschädigungszahlung - die Getränkesteuer zurücknehmen musste. Schon ein Jahr später 1483 verlangte Bischof Barthold II. erneut von der Stadt Hildesheim die Stiftsschulden zu bezahlen. Diese weigerte sich entschieden und ließ sofort vorsorglich die Befestigungen verstärken, verbündete sich mit dem Welfen Herzog Friedrich von Braunschweig und schloß mit einigen benachbarten Städten ein neues Verteidigungsbündnis.
Auf der Gegenseite verbündete sich der Bischof mit den Welfenherzögen Wilhelm und Heinrich aus der anderen welfischen Linie. Es kam 1484 zu der sogenannten "Großen Fehde", die begleitet von großen Zerstörungen und Bränden zwei Jahre lang in Hildesheim und den benachbarten Städten und Dörfern wütete. Bischöfliche Truppen setzten städtische Höfe in Brand, die Städter setzten z.B. Hohenhameln in Brand, Hildesheims Verbündete belagerten und verwüsteten Sarstedt. Das gesamte Stiftsgebiet wurde zum Austragungsort von Auseinandersetzungen zwischen auswärtigen Mächten. Nach mehreren Vermittlungsversuchen, auch von kaiserlicher Seite, gelang zwischen den verfeindeten Parteien ein Vergleich, der am Tage vor Weihnachten 1486 bei Steuerwald verkündet wurde.